Aus der Tierklinik am Stadtwald Frankfurt,
Leitender Tierarzt Dr. med. vet. Roger Bührer
Das karpale Hyperextensionssyndrom des Junghundes
Volker Hach
Das karpale Hyperextensionssyndrom des Hundes beruht auf einer
Fehlstellung der Karpalgelenke. Gelegentlich tritt es gleichzeitig an
den Tarsalgelenken in Form einer Hyperflexion auf. Die Krankheit wird
nur beim wachsenden Tier beobachtet. In der Literatur liegen nur wenige
kasuistische Mitteilungen vor.
Anatomie und Pathogenese
Das Karpalgelenk des Hundes besteht aus vier Anteilen, dem Antebrachio-karpalgelenk,
dem mittleren Karpal-, dem Interkarpal- und dem Karpomedialgelenk. Als
funktionelle Einheit erlaubt es die Flexion und die Extension mit einem
geringen Bewegungsspielraum nach lateral und medial. Der normale Winkel
des Karpalgelenks in sagittaler Ebene beträgt 180-190o (Abb. 1) Unter
der Überbeanspruchung leiden besonders die Ligamente, der Gelenkknorpel
und die Flexoren der Region.
Ätiologie
Die Ätiologie des Hyperextensionssyndroms ist nicht bekannt. Die
Veränderungen können in zeitlichem Zusammenhang mit der Einwirkung
von Stressfaktoren wie Zahnbildung oder Läufigkeit auftreten. Der
Deutsche Schäferhund erkrankt von allen Rassen am häufigsten.
Es wurden aber auch Beobachtungen bei Rottweiler, Dogge, Dobermann, Irischem
Wolfshund, Golden Retriever, Sharpei und Mischrassen mitgeteilt. Die Bevorzugung
des Deutschen Schäferhundes liess eine genetische Komponente vermuten.
Bereits 1967 führten Pick und seine Mitarbeiter (1967) die Karpale
Hyperextension auf einen Defekt des X-Chromosom zurück und sahen
eine Beziehung zur Hämophilie. Woodley (1988) beobachtete eine Bevorzugung
der männlichen Tiere.
Woodley bestimmte die „Trypsin Like Immunoreactivity“ (TLI)
im Serum zum Nachweis einer exokrinen Pankreasinsuffizienz als potentielle
Ursache der karpalen Hyperextension. Bei sechs erkrankten Tieren lagen
die TLI Spiegel deutlich niedriger als bei den vier gesunden Deutschen
Schäferhunden der Kontrollgruppe. Bei 11 erkrankten Hunden aus unserem
Patientengut konnten wir allerdings keine pathologischen Parameter im
Hinblick auf eine Pankreasinsuffizienz feststellen.
Alexander und Earley (1984) berichteten über ihre Erfahrungen an
zwölf Hunden mit karpaler Hyperextension. Die Mehrzahl der Tiere
wurde auf hartem Untergrund und in kleinen Käfigen gehalten. Die
Autoren gingen von einer Disposition der osteo-tendinösen und/oder
muskulo-tendinösen Strukturen aus.
Shires und Mitarbeiter (1986) untersuchten zehn Welpen eines Wurfes mit
karpaler Hyperextension. Fünf Welpen davon durften sich frei bewegen
und ihr Zustand normalisierte sich innerhalb zehn Tage. Bei den anderen
fünf Welpen wurde die Bewegungsfreiheit eingeschränkt, und die
Hyperextension besserte sich innerhalb von sechs Wochen. Aufgrund dieser
Befunde vermuteten die Autoren eine Muskelschwäche als Krankheitsursache
oder eine Störung der Kollagenbildung des Bewegungsapparates infolge
der verminderten Aktivität.
Nach neueren Erkenntnissen ist eine neuromuskuläre Störung als
Krankheitsursache mitverantwortlich.
Klinisches Bild
Am karpalen Hyperextensionssyndrom erkranken vor allem die schnell wachsenden
Hunde und zwar vorzugsweise im Alter zwischen dem 3. und 5. Lebensmonat.
Die Fehlstellung der Karpalgelenke ist nur selten angeboren und kann in
jeder Phase der Jugend auftreten. Tritt die Fehlstellung der Gliedmasse
schon in der 5.-9. Lebenswoche auf, dann bleiben meist lebenslange Störungen
des Bewegungsablaufs und des Gangbildes bestehen. Die Ausprägung
der Symptome ist in der Frühphase des Wachstums deutlicher ausgeprägt
als in den späteren Lebensmonaten. Neben der karpalen Hyperextension
können gleichzeitig auch eine Hyperflexion der Tarsalgelenke und/oder
eine karpale Instabilität in Form von Valgus- oder Varusfehlstellungen
vorliegen (Abb. 3). Die Krankheit entsteht oftmals mit einer akuten Symptomatik.
Bei der klinischen Untersuchung wird die passive Hyperflexion der Tarsal-
und/oder Karpalgelenke als nicht schmerzhaft empfunden. Röntgenologisch
sind meistens keine wesentlichen pathologischen Befunde zu erheben. In
chronischen Fällen kann manchmal im latero-lateralen Strahlengang
eine vermehrte Rundung der Karpalknochen an den kranialen Knochenrändern
festgestellt.. Die gehaltene Röntgenaufnahme zeigt einen pathologischen
Hyperextensionsgrad (Abb. 4).
Differentialdiagnose
In differentialdiagnostischer Hinsicht ist an alle Krankheiten zu denken,
die zu einer Hyperextension im Karpalgelenk führen können. Insbesondere
kommen die verschiedenen Formen der Polyarthritis, neurologische Dyfunktionen
und die Folgen einer Inaktivierung (Schienenverbände) in Betracht.
Weiterhin sind traumatische Einwirkungen oder kongenitale Missbildungen
zu erwähnen (Tab. 1).
Therapie
Eine kausale Therapie des Hyperextensionssyndroms ist bisher nicht bekannt.
Manche Autoren raten zu einer aktiven Bewegungstherapie in der Wachstumsperiode
der Tiere (Shires et al. 1985). Alexander und Earley (1984) legten bei
der ausgeprägten Hyperextension eine Halbschiene an, die das Karpalgelenk
im physiologischen Winkel halten soll. Nach unserer Erfahrung wird die
Symptomatik dadurch aber eher verstärkt. Wir legen den grössten
Wert auf eine adäquate Bewegungstherapie. Das beinhaltet den Leinenzwang
und eine Reduktion der täglichen Spaziergänge auf ein Minimum.
Stärkere Belastungen wie Springen, Spielen und Treppensteigen sind
möglichst zu vermeiden. Vom Einsatz im Hundesport wird abgeraten.
Ein weicher, rutschfester Untergrund (z.B. Rasen) erscheint für eine
moderate Bewegungstherapie am geeignetsten. Nach Abschluss des Körperwachstums
wird die Aktivität stufenweise gesteigert, bis das Tier nach wenigen
Wochen dann wieder normal belastbar ist. Nur ausnahmsweise muss in besonders
schwerden Fällen später eine Arthrodese des Karpalgelenks in
Betracht gezogen werden. Eine Verabreichung von Vitamin-B-Präparaten
scheint einen positiven Effekt auf das Krankheitsgeschehen zu haben..
Prognose
Die Prognose der Krankheit ist sowohl vom Grad der Hyperextension und
Hyperflexion der betroffenen Gelenke, als auch vom Alter des Tieres zu
Beginn der Symptomatik abhängig. Jüngere Tiere (ab 5 Wochen)
zeigen häufig eine schwere Verlaufsform. Auch die rezidivierende
Erkrankung hat eine ungünstige Prognose.
Schlußfolgerung
Das karpale Hyperextensionssyndrom lässt sich nach der anamnestischen
Erhebung und einer genauen klinischen Untersuchung schnell und kostenbewußt
differenzieren. Da die ätiologischen Hintergründe der Krankheit
noch nicht vollständig geklärt sind, ist eine gezielte Therapie
nur bedingt möglich.
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