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Aus der Tierklinik am Stadtwald Frankfurt,
Leitender Tierarzt Dr. med. vet. Roger Bührer
Venöse Stauungsgangrän der Vorderpfote des
Hundes mit Kompartmentsyndrom
Volker Hach
Einleitung
Eine akute venöse Stauung im Bereich der Extremität ist leicht
zu erkennen. Am häufigsten wird sie durch strangulierende Bindentouren
verursacht. Die arterielle Durchblutung ist zunächst nicht beeinträchtigt.
Wenn keine Abhilfe erfolgt, muss durch die Entstehung des Kompartmentsyndroms
mit einem komplizierten Krankheitsverlauf gerechnet werden.
Pathogenese und Krankheitsbild
Die venöse Abflussbehinderung durch einen strangulierenden Verband
bewirkt zunächst den Anstieg des Drucks im venösen Schenkel
der Kapillare, so dass das vorher abfiltrierte Blutplasma aus dem extrazellulären
Raum nicht mehr in die Kapillare rückresorbiert werden kann. Es entsteht
ein lokales Ödem. Im Gegensatz zum Tourniquet-Syndrom mit Absperrung
der Arterie bleibt der arterielle Einstrom in den betroffenen Gewebsbereich
bei der rein venösen Stauung zunächst erhalten.
Die richtungsgebende, dramatische Verschlimmerung der Krankheitsverlaufs
ist auf die Entstehung eines Kompartmentsyndroms zurückzuführen
(3). Die Endothelzellen der Kapillaren werden durch freigesetzte Gewebsmediatoren
so geschädigt, dass sie für Blutplasma und größere
Eiweißmoleküle durchlässig werden. Innerhalb einer geschlossenen
Faszienloge, also dem Muskelkompartment, steigt der Gewebedruck infolgedessen
an und vermindert nunmehr die nutritive Zirkulation. Es kommt zur Ischämie
und zu Muskelnekrosen. Bakterielle Infektionen beschleunigen den Krankheitsverlauf
im Sinne des multifaktoriellen Geschehens.
Das Kompartmentsyndrom ist eine Zustand, bei dem ein erhöhter Gewebedruck
innerhalb eines geschlossenen Raums die Zirkulation und die Gewebefunktion
beeinträchtigt (5). Innerhalb des Muskelkompartments gehen die anatomischen
Strukturen, also alle muskulären und nervalen Elemente, zugrunde.
Das aus der nekrotischen Muskelzelle freigesetzte Myoglobin wird mit dem
Blutstrom in die Nieren transportiert und dort mit dem Urin ausgeschieden.
Der Harn verfärbt sich rötlich. Myoglobinmoleküle können
die Glomerula verstopfen und dann eine Niereninsuffizienz auslösen.
Bei einem ausgedehnten Krankheitsgeschehen tritt der Tod ein. Die kleinen
Kompartments an der Pfote eines Hundes dürften das Allgemeinbefinden
weniger beeinträchtigen. Im Spätstadium entsteht aus dem unbehandelten
Kompartmentsyndrom die Volkmann´sche ischämische Muskelkontraktur
(4).
Der Pathomechanismus, der unmittelbar zur Beeinträchtigung der nutritiven
Zirkulation führt, wird kontrovers diskutiert. Die Theorie eines
arteriellen Spasmus gilt als überholt (1). Auch die Annahme eines
kritischen Verschlussdrucks auf die intrakompartimentären Arterien
durch einen stark erhöhten kritischen Gewebedruck ist verlassen worden
(2). Die heutige Erklärung beruht auf der Störung des arteriovenösen
Druckgradienten als Ursache des Perfusionsversagens (6, 7).
Der strangulierte Abschnitt der Extremität schwillt extrem an und
nimmt eine blau-schwarze Verfärbung an. Über kleine Einrisse
der Haut tritt blutig tingiertes Ödem aus. Der Weg zur bakteriellen
Infektion ist programmiert. Es resultieren Nekrosen, die auf die kleinen
Kompartments der Pfote übergreifen und die Muskulatur sowie ossäre
Strukturen im Sinne der Osteomyelitis einbeziehen.
Kasuistik
Ein 6 Jahre alter Golden Retriever wurde unserer Klinik im Notdienst vorgestellt.
Der Haustierarzt hatte 14 Tage zuvor die operative Entfernung eines Tumors
an der Pfote vorgenommen und einen Verband angelegt. Am Tag der Vorstellung
in unserer Klinik war ein Verbandswechsel beim Haustierarzt erfolgt. Das
Tier hatte die operierte Gliedmasse nicht mehr belastet.
Befunde
Die rechte Hinterpfote war monströs angeschwollen. Die Haut erschien
blauschwarz verfärbt und hob sich mit Blasen ab. An anderen Stellen
bestanden bereits tiefreichende Nekrosen. Die starke Exsudation des gesamten
Wundbereichs war mit einer extremen Geruchsabsonderung belastet (Abb.
1a und b)
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Abb. 1a und b. Kompartmentsyndrom der rechten
Vorderpfote infolge akuter venöser Strangulation. Befund 5 Tage
nach Anlegung des abschnürenden Verbandes. Monströse ödematose
Schwellung mit schwarzen Blasenbildungen. Beginnende Nekrotisierung.
a. Ansicht von plantar. b. Ansicht von dorsal.
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Verlauf und Therapie
Der Patient wurde stationär aufgenommen. Zweimal täglich erfolgten
Verbandswechsel mit Wunddebridement in Kurznarkose. Die Kompartments der
Zwischenzehenmuskulatur wurden durch Einschnitte eröffnet. Die intrakompartimentäre
Muskulatur erschien gelblich verfärbt und reagierte nicht auf mechanische
Reize (Abb. 2a und b, 3).
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| Abb. 2 Gelblich verfärbte, nekrotische Interdigitalmuskulatur
nach 10 Tagen |
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Abb. 3a und b. Demarkierung der Nekrosen und operatives
Debridement nach 14 Tagen. Frei liegende Metatarsalknochen.
a. Ansicht von plantar. b. Ansicht von dorsal. |
Die Antibiose wurde bis zum Eintreffen der bakteriologischen Diagnose
und der Resistenzbestimmungen systemisch mit Cephalosporinen (30 mg/kg
Körpergewicht)eingeleitet. Es ergab sich eine Besiedelung durch Staphylococcus
aureus und Pseudomonas airuginosa mit der Sensibilität gegen Cefalosporin.
Zur lokalen Behandlung gelangte lediglich sterile Physiologische Kochsalzlösung
zur Anwendung. Damit wurde das Prinzip der feuchten Wundtherapie verfolgt.
Eine Konditionierung durch die Vakuumtherapie haben wir anfangs erwogen,
dann aber nicht mehr für zweckmäßig erachtet.
Nach 1 Woche wurden die Verbandswechsel täglich vorgenommen. Eine
gute Abpolsterung der Wunde mit Verbandswatte war erforderlich, vor allem
auch zwischen den Zehen. Mit zunehmender Säuberung und Granulation
konnte auf die Abdeckung mit antiseptischer Wundgaze (Sofratüll)
übergegangen werden (Abb.4 a und b)
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Abb. 4a und b. Zunehmende Granulationen nach 6 Wochen
a. Ansicht von plantar. b. Ansicht von dorsal.
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Abb. 5a und b. Röntgenaufnahmen der Pfote. Osteolyse
der Gund- und Mittelphalangen III sowie in der Umgebung des Metacarpo-phalangealgelenks
IV als Zeichen der akuten Osteomyelitis. a. Aufnahme im ap Strahlengang.
b seitlich |
Röntgenologisch zeigten sich 19 Monate nach Beginn der Behandlung
die ersten Symptome der Osteomyelitis (Abb.5). Schließlich kam es
zur Osteolyse des Phalanx proximalis und des Metatarso-phalangealgelenks
IV. Die Amputation in Höhe des mittleren Metatarsus wurde erforderlich.
Die Operation war durch die Antibiose mit Cephalosporin abgedeckt.
Innerhalb 3 Wochen begannen sich kräftige Granulationen auszubilden,
so dass der Verband nunmehr unter ambulanten Bedingungen dreimal wöchentlich
zu wechseln war. Nach 5 Monaten war die Abheilung erreicht. Der Hund belastete
die Extremität in zunehmendem Maße. Ischämische muskuläre
Kontrakturen sind nicht eingetreten.
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Abb. 6a und b. Weitgehende Heilung nach 5 Monaten und
zunehmende Belastung.
a. Ansicht von plantar. b. Ansicht von dorsal.
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Diskussion
Die venöse Stauungsgangrän wird selten beobachtet. Als häufigste
Ursache kommt der strangulierende Verband in Betracht. Sobald die Ursache
mit dem Verbandswechsel beseitigt ist, tritt meistens eine Restitution
ein. Erst die Sekundärinfektion und die Entwicklung des Kompartmentsyndroms
führen zu einer richtungsgebenden Verschlimmerung. In unserem Falle
muss angenommen werden, dass der pathophysiologische Prozess auf diese
Weise abgelaufen ist.
Im Verlaufe der Verbandswechsel stellten sich tiefgreifende Nekrosen
heraus, die sich auch auf die Muskelfaszien und die Muskulatur erstreckten.
Die nutritive Schädigung durch das Kompartmentsyndrom gab sich an
der lehmfarbenen Beschaffenheit und der fehlenden Kontraktilität
auf die mechanische Reizung mit der Pinzette zu erkennen. Bei der Lokalisation
weit in der Peripherie waren jedoch nur die kleinen Mm interossei betroffen.
Die Freisetzung von Myoglobin wurde nicht bemerkt. Die angefallene Menge
dürfte nur unbedeutend gewesen sein und das Allgemeinbefinden des
Tieres nicht beeinträchtigt haben. Das Tier bot keine Hinweise auf
eine Niereninsuffizienz.
In der Humanmedizin ist das Kompartmentsyndrom des Unterarms und des
Unterschenkels durch strangulierende Verbände bekannt (3, 9, 10).
Auch bei der tiefen Venenthrombose und bei schweren Venenverletzungen
wurden entsprechende Krankheitsbilder beobachtet (8).
Die Prophylaxe der venösen Stauungsgangrän besteht in der sorgfältigen
Verbandstechnik nach Operationen und Verletzungen. Insbesondere über
den Beugen der Gelenke ist eine Polsterung anzubringen. Beim Debridement
muss der Chirurg darauf achten, möglichst keine Kompartments mit
erhöhten Gewebedrucken zu übersehen. Die Druckentlastung durch
die Fasziotomie vermag die betroffene Muskulatur zu erhalten und vor allem
spätere ischämische Muskelkontrakturen zu vermeiden.
LITERATUR
1. Ashton H (1962) Critical closing pressure in human peripheral vascular
beds. Clin Sci 22:79-87
2. Foisie PS (1942) Volkmanns ischemic contracture. An analysis of its
proximate mechanism. N Engl J Med 226: 671-9
3. Hach W, Gerngroß H, Präve F, Sterk J, Willy Ch, Hach-Wunderle
V (2000) Die Kompartmentsyndrome in der Phlebologie. Phlebologie 29:1-26
4. Hach W, Hach V. (2002) Richard von Volkmann und die Chirurgie an der
Friedrichs-Universität in Halle. In: Zichner, L, Rauschmann M.A.,
Thomann K-D. Geschichte der Grenzgebiete der Orthopädie. Jahrbuch
Band 4. Steinkopff. Darmstadt. 151-165
5. Matsen III FA, Krugmire RB (1978) Compartmental syndromes. Surg Gynecol
Obstet 147. 943-9
6. Menger MD, Westermann S, Vollmar B (1998) Störung der Mikrozirkulation
beim Kompartmentsyndrom. In: Willy C, Sterk J, Gerngroß H (Hrsg)
Das Kompartmentsyndrom. Hefte zu „Der Unfallchirurg“ Nr 267.
Springer Berlin Heidelberg New York u a 418-22
7. Oestern HJ (1991) Kompartmentsyndrom. Definition, Ätiologie,
Pathophysiologie. Unfallchirurg 94:210-5
8. Patman RD (1975) Compartmental syndromes in peripheral vascular surgery.
Clin Orthop 113: 103-8
9. Volkmann R v (1869) Krankheiten der Bewegungsorgane. In Pitha-Billroth
(Hrsg) Handbuch der Chirurgie Band II, 845
10. Volkmann R v (1881) Die ischämischen Muskellähmungen und
Kontrakturen. Zentralbl Chir 8: 801-3
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