Aus der Tierklinik am Stadtwald Frankfurt, Leitender Tierarzt Dr. med. vet. Roger Bührer
Der Trilam-Nagel – eine neue Operationstechnik
zur Osteosynthese beim Kleintier
Volker Hach
Zusammenfassung
Beim Trilam-Nagel handelt es sich um die neue Konstruktion eines elastischen
Stahlnagels zur Osteosynthese von Femur, Tibia und Humerus beim Kleintier.
Der Nagel hat im Querschnitt eine runde Grundform und ist mit drei in
Längsrichtung verlaufenden Lamellen versehen. Die beiden Enden sind
scharf angespitzt. Die Lamellen kerben sich bei der Intromission in die
Markhöhle fest in die Substantia compacta des Knochens ein, so dass
eine Rotation der Bruchfragmente ausgeschlossen wird. Der Trilam-Nagel
wird bisher in vier Standardgrößen mit den Durchmessern von
3 bis 6 mm und den Längen von 110 bis 150 mm geführt.
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| Abb. 1 Trilam-Nagel. Angebot in 4 verschiedenen Standardgrössen
(3-6mm, 110-150 mm) und 5 Sondergrössen (7-11 mm, 160-220 mm). |
Der entscheidende Vorteil des Trilam-Nagels liegt darin, daß zur
Erhaltung der Rotationsstabilität keine Verriegelung mehr erforderlich
ist. Dadurch lassen sich auch gelenknahe Frakturen stabil versorgen, das
Operationstrauma vermindern und die Operationszeiten wesentlich verkürzen.
Wir haben den Trilam-Nagel bei 132 Frakturen an Hunden, Katzen, Kaninchen,
Vögeln und an einem Affen erfolgreich eingesetzt. Die Art der Fraktur
spielte bei der Indikationsstellung eine untergeordnete Rolle. In 101
Fällen zeigten sich die feste Verankerung des Nagels in der Markhöhle
mit sofortiger Belastbarkeit des Patienten und ein schneller knöcherner
Durchbau der Fraktur. Bei drei Tieren war die korrektive Operation wegen
einer Teleskop-Instabilität nötig. Einmal kam es zu einer Verbiegung
des Nagels. Bei einem anderen Tier blieb die Mobilität infolge übermäßiger
Kallusbildung in Gelenknähe eingeschränkt.
Einleitung
Die operative Stabilisierung von Frakturen ist über 100 Jahre alt.
Der Hamburger Unfallchirurg C. HANSMANN nahm 1883 im Allgemeinen Krankenhaus
St. Georg die erste Plattenosteosynthese vor und berichtete darüber
auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin.
Den Weg zu einer routinemäßigen Anwendung der Osteosynthese
eröffneten dann die Arbeiten von LAMBOTTE (1907) sowie KÜNTSCHER
(1939). Auch in die Veterinärmedizin führte KÜNTSCHER im
Jahre 1940 die Marknagelung ein.
In der Humanmedizin beginnt die Behandlung einer Fraktur der großen
Röhrenknochen sofort am Unfallort mit der Schock- und Schmerzbekämpfung
sowie der provisorischen Schienung. Beim Tier setzt die Therapie erst
in der Notfallklinik ein. Im Prinzip sind kurzfristig die frühe Mobilität
und langfristig die vollständige Wiederherstellung der Funktion der
traumatisierten Extremität anzustreben (PERREN und KLAUE, 1991).
Dazu ist die Osteosynthese erforderlich. Die Indikationen zur konservativen
Frakturbehandlung der langen Röhrenknochen sind limitiert (HACH,
1997).
Für die Osteosynthese stehen verschiedene Methoden zur Verfügung.
Die Platte dient vor allem zur Schienung. Für die Kompression der
Fragmente sind zusätzliche Zugschrauben oder Cerclagen geeignet.
Bei der Plattenosteosynthese wird die primäre Knochenheilung mit
geringer Kallusbildung unter absolut stabilen Bedingungen angestrebt (PERREN
und KLAUE, 1991). Radiologisch und histologisch wurde im Bereich der Verplattung
und der Osteosyntheseschrauben ein Abbau der Knochensubstanz nachgewiesen;
das beruht nach KESSLER (1988a) sowie MONNEY et al. (1990) auf druckbedingten
Durchblutungsstörungen. Eine durch das Implantat induzierte Entlastung
des Knochens mit nachfolgender Atrophie, der „stress protection“
von GAUTHIER et al. (1984), ist weniger wahrscheinlich. In den letzten
Jahren wurden „low contact“ - Platten in die Human- und Veterinärmedizin
eingeführt, um eine Verbesserung der lokalen Durchblutungsbedingungen
zu gewährleisten (BRUNNER und WEBER, 1981; PERREN und BUCHANAN, 1995;
TEPIC und PERREN, 1995; BRUNNBERG et al., 1998).
Der intramedulläre Pin ist wegen seiner Rotationsinstabilität
zur Osteosynthese der langen Röhrenknochen nur bedingt geeignet;
er erreicht auch bei der Bündelung, dem „stack pinning“,
keine genügende Stabilität (ROE, 1995; 1998;) und muß
gegebenenfalls mit anderen Verfahren kombiniert werden (STEAD, 1998).
Zu einer positiven Beurteilung der Pin-Nagelung gelangten HACKETHAL (1961)
und BRUG et al. (1998) in der Humanmedizin sowie DIXON et al. (1994) aufgrund
experimenteller Untersuchungen.
Der Marknagel hat in der Unfallchirurgie die größte Bedeutung
erlangt. Er wirkt bei der Osteosynthese der langen Röhrenknochen
als intramedullärer Kraftträger. Neben dem Küntscher-Nagel
mit profiliertem Querschnitt wird der runde Steinmann-Nagel mit solider
Metallstruktur in der Veterinärchirurgie am häufigsten verwendet.
Die Marknagelung hat den Vorteil der gedeckten atraumatischen Operationstechnik
(KÜNTSCHER und MAATZ, 1945). Dabei werden der Weichteilmantel geschont
und die interventionelle Devaskularisierung im Frakturbereich vermieden.
Der Nagel führt eine frühe Belastungsstabilität herbei
(WELLER, 1991). Im Gegensatz zur Platte ist er imstande, die volle Belastung
des Knochens frühzeitig allein zu tragen. Das gleicht den Nachteil
einer indirekten Knochenheilung mit langsamerer Kallusbildung aus (PERREN
und KLAUE, 1991).Der Marknagel erlaubt die optimale Stellung der Fragmente
in der Längsachse, tendiert aber zur Instabilität bezüglich
der Torsion und der axialen Verschiebung. Das macht sich um so mehr bemerkbar,
je näher am Gelenk sich die Fraktur befindet. Deshalb wurde die zusätzliche
Verriegelung eingeführt (WINQUIST et al., 1984; KLEMM und BÖRNER,
1985; WISS, 1986). Auch in der Tiermedizin hat sich der verriegelte Marknagel
bei der Versorgung von gelenknahen Frakturen bewährt (BUCHOLZ et
al., 1987; DUELAND und JOHNSON, 1993; DUELAND et al., 1996, 1997; DUHAUTOIS,
1995; DURALL et al., 1994; HAUSSCHILD und FEHR, 1999; HAY und JOHNSON,
1995; MUIR et al., 1993; ROE, 1995).
Als Nachteil der Marknagelung gilt die Aufbohrung des Marklagers mit
Zerstörung der medullären Gefäße und mit der Gefahr
einer Embolisierung von Markinhalt. Deshalb wurde in den 80iger Jahren
die unaufgebohrte Marknagelung propagiert, insbesondere bei offenen Frakturen;
die spontane Lockerung des Nagels im Marklager während der Kallusbildung
erschien dabei für die Restrukturierung des Knochens eher günstig
(WELLER, 1991).
Der von uns entwickelte Trilam-Nagel erfordert weder die Verriegelung
noch die Aufbohrung der Markhöhle, auch nicht im gelenknahen Frakturbereich.
Seine Verwendung darf deshalb als eine sinnvolle Ergänzung der etablierten
Techniken der Osteosynthese bei Frakturen von Femur, Tibia und Humerus
betrachtet werden. Unsere Erfahrungen erstrecken sich bisher auf die Behandlung
von Hunden, Katzen, Kaninchen, Vögeln und einem Affen.
Implantat
Der Trilam-Nagel wird aus elastischen Stahl hergestellt. Er hat im Querschnitt
eine runde Grundform, an der drei Lamellen in der Längsrichtung verlaufen.
Die beiden Enden des Nagels sind scharf angespitzt (Abb. 1).
Bisher wird der Nagel in vier Standardgrößen mit Durchmessern
von 3 bis 6 mm und Längen von 110 bis 150 mm sowie in fünf Sondergrößen
mit Durchmessern von 7 bis 11 und Längen von 160 bis 260 mm geführt
(Trilam-Nagel System, Firma Brehmc).Diese Implantate sind für die
Osteosynthese der langen Röhrenknochen von Hunden, Katzen, Kaninchen
und großen Vögeln geeignet.
Operationstechnik
Die Indikation zum Einsatz des Trilam-Nagels besteht bei allen Frakturen
von Femur, Tibia und Humerus im mittleren Drittel bis an die Grenze zur
Metaphyse. Bei Frakturen im metaphysären Bereich selbst wird keine
ausreichende Stabilität erreicht.
Die ideale Indikation für die operative Markschienung sind die Querfrakturen
von Femur, Tibia und Humerus. Gut geeignet erscheinen aber auch Schräg-
und Torsionsfrakturen, Dreifach- und Mehrfachbrüche, Trümmerfrakturen
sowie die Pseudarthrose nach konservativer Therapie oder nach einem alternativen
Operationsverfahren.
Der passende Marknagel wird nach dem Röntgenbild bestimmt. Es ist
zweckmässig, einen zweiten Nagel derselben Größe bereitzuhalten,
um an ihm während der Operation die jeweilige Eindringtiefe des implantierten
Nagels vergleichen zu können.
Zur Operation befindet sich das Tier in der Seitenlage. Der Hautschnitt
wird über der Fraktur in der notwendigen Länge angebracht. Bei
einer Operation der Tibia erfolgt der Zugang von medial, bei Frakturen
von Femur und Humerus von lateral her.
Der proximale Stumpf wird dargestellt, dabei aber nicht aus dem Gewebeverband
gelöst. Jede Traumatisierung des Periosts ist sorgfältig zu
vermeiden. Der Trilam-Nagel läßt sich gegen einen geringen
Widerstand mit dem Hammer in die Markhöhle einschlagen. Es ist darauf
zu achten, daß die drei Lamellen an der inneren Kompakta einkerben,
um jede Rotation des Implantats zu verhindern (Abb. 2). Bei der Anpassung
eines zu dicken Nagels droht die Berstung des Knochens. Oftmals erfolgt
aber dieser Operationsabschnitt an der engsten Stelle der Markhöhle,
so daß sich diese Problematik seltener ergibt.
Nach dem Einschlagen vom Bruchspalt her perforiert der Nagel schließlich
das proximale Knochenfragment an seinem oberen Ende. Am Femur tritt die
Nagelspitze zwischen dem Trochanter major und dem Oberschenkelkopf, am
Schienbein an der Tuberositas tibiae und am Humerus oberhalb des Tuberculum
majus heraus. Wiederholte Abmessungen mit dem Vergleichsnagel erlauben
während des Ablaufs der Operation eine gute Übersicht. Die transkutane
Palpation der durchgetriebenen Nagelspitze gelingt durch spezielle Expositionen
der Extremität besser; die proximalen Fragmente des Femur und des
Humerus werden nach medial bewegt und das proximale Fragment der Tibia
im Knie extrem gebeugt. Dann läßt sich der Nagel durch einen
kleinen Einschnitt der Haut herausleiten.
Im zweiten Abschnitt der Operation wird die untere Spitze des Marknagels
in das distale Fragment eingeführt. Die Reposition erfolgt mit der
größten Sorgfalt, um die zueinander passenden Zacken zu verhaken.
Daraufhin wird der Nagel von oben her unter Beobachtung des Frakturspalts
zurückgeschlagen. Auch in dieser Phase erlaubt die Abmessung mit
dem Vergleichsnagel eine gute Kontrolle über den Fortgang des Eingriffs.
Der Spalt muß von interponierten Gewebeteilen befreit und soweit
wie möglich geschlossen werden. Die Knochensplitter in der Umgebung
lassen sich manuell in eine günstige Position zur Fraktur bringen,
ohne sie dabei aus dem Gewebeverband zu lösen. Die Adaption der Weichteile
durch Knopfnähte und die Hautnaht schließen die Operation ab.
Ergebnisse
Vom 1.6.1997 bis 15.12.1999 wurden in der Tierärztlichen Klinik für
Kleintiere Frankfurt/Main 132 Frakturen mit dem Trilam-Nagel bei 40 Hunden,
88 Katzen, 2 Kaninchen, 1 Vogel und 1 Affen versorgt. In der Mehrzahl
der Fälle war die Tibia betroffen, an zweiter Stelle der Femur (Tab.
1).
Die Art der Fraktur spielte für die Operation eine untergeordnete
Rolle. Am besten geeignet erschienen glatte Quer- oder Schrägbrüche
in der Mitte des Röhrenknochens (Abb. 3, Tab. 2). In unserem Krankengut
waren aber die Mehrfach- und Trümmerfrakturen am häufigsten
vertreten (Abb. 4). Die größten Vorteile des Trilam-Nagels
gegenüber den alternativen Verfahren der Osteosynthese zeichneten
sich dann ab, wenn die Frakturen bis in die Nähe der Metaphyse reichten.
Der Verzicht auf die Verriegelung führte hier zu einer erheblichen
Vereinfachung des Eingriffs mit geringerer Traumatisierung und zu einer
Verkürzung der Operationsdauer. Kurze distale oder proximale Fragmente
ließen sich regelmäßig stabilisieren (Abb. 5 und 6).
Die durchschnittliche Operationszeit der Osteosynthese mit dem Trilam-Nagel
betrug 25 Minuten (15 - 45 min). Eine chirurgische Assistenz reichte aus.
Bei Tibiafrakturen wurde ein zusätzlicher Verband für etwa 3-5
Tage angelegt. Nach Beendigung der Narkose wurde der Patient in die Pflege
des Besitzers nach Hause entlassen. Nur in besonderen Fällen war
eine stationäre Überwachung nötig. Die postoperative Betreuung
erfolgte durch den Haustierarzt.
Etwa am 14. Tag wurde Kontakt mit dem Haustierarzt aufgenommen, um sich
über das Ergebnis der Operation zu informieren. In allen Fällen
kam es zur primären Heilung. Nach vier Wochen wurde dem Tier die
volle Bewegungsfreiheit erlaubt. Bei einer 14-jährigen Katze traten
nach der Rekonstruktion einer Humerusfraktur die Wanderung des Nagels
nach proximal und eine Refraktur im alten Bruchbereich ein. In zwei weiteren
Fällen von Mehrfachfrakturen kam es zu einer leichten Verschiebung
bzw. Verkürzung des Frakturbereiches und dadurch zu einer Irritation
der Gewebe an der proximalen Nagelspitze. Die Kürzung des Nagels
führte dann schnell zur Heilung. Bei einer jungen Katze wurde die
Verbiegung des Trilam-Nagels beobachtet. Nach der erneuten Operation heilte
die Fraktur ab. Eine Katze reagierte nach der Versorgung einer gelenknahen
Humerusfraktur mit einer überschießenden Kallusbildung; klinisch
zeigte sich eine leichte Einschränkung der Beweglichkeit des Gelenks.
Die Entfernung des Nagels nach Abheilung der Fraktur ist im allgemeinen
nicht nötig. Sie wird nur in speziellen Fällen, wie beispielsweise
bei der Irritation von benachbarten Geweben, empfohlen.
Bei 101 Tieren war innerhalb von 30 Monaten die röntgenologische
Nachuntersuchung möglich. In allen Fällen zeigte sich eine feste
Verankerung des Trilam-Nagels. Insbesondere ließen sich an den Kufen
der Lamellen keine größeren Resorptionszonen des Knochens nachweisen.
Die Frakturen waren knöchern durchgebaut. In keinem Fall trat eine
Pseudarthrose auf.
Diskussion
G. Küntscher schrieb 1962 im Vorwort seiner klassischen Monographie
Praxis der Marknagelung: „Die Nutzung des Marknagels stellt eine
ganz neue Form der Chirurgie dar. Sie erfordert eine sehr große
Erfahrung und Übung. Es gibt hier nicht – wie häufig in
der Medizin – Unklarheiten und Ungenauigkeiten. Die Ursache des
Mißerfolgs ist stets klar zu sehen, andererseits ist beim peinlich
genauen Arbeiten die Garantie des Erfolgs gegeben“.
Das biomechanische Prinzip der Marknagelung von Frakturen der langen
Röhrenknochen besteht in der Schienung der Fragmente durch einen
Kraftträger, durch den in die Markhöhle regelrecht plazierten
Nagel. Im Gegensatz zu der starren Plattenosteosynthese mit Kompression
der Fragmente ist bei der Marknagelung immer eine minimale Instabilität
vorhanden, die eine sekundäre Knochenheilung induziert. Die kräftige
Kallusbildung und das stabile Implantat garantieren eine schnelle und
sichere Belastbarkeit der verletzten Gliedmasse. Die Vorteile der Osteosynthese
durch die Marknagelung nach Küntscher liegen in der gedeckten Versorgung
eines geschlossenen Bruches, in der frühzeitigen Funktionsstabilität
sowie in der günstigen Restruktierung des Knochens während der
Heilung (KÜNTSCHER, 1962; WELLER, 1991). Durch die Marknagelung nach
dem Küntscher-Konzept wird eine elastische Verklemmung des Implantats
in transversaler und longitudinaler Richtung erreicht. Das gilt aber nur
für die diaphysären Quer-, Schräg- und kurzen Spiralfrakturen,
sowie für die Frakturen mit einem dritten Fragment; zu den Metaphysen
hin tritt ein zunehmender Verlust an Stabilität in mehrdimensionaler
Hinsicht auf. Das kann zu verschiedenen Komplikationen wie fehlender Belastbarkeit,
Heilungsstörungen und Fehlstellungen führen.
Eine andere Gefahrenquelle der klassischen Nagelung liegt in der Aufbohrung
der Markhöhle (GRUNDNES und REIKERAS, 1994; MARTIN et al., 1996;
NEUDECK et al., 1996). Küntscher faßte die Komplikationen unter
den Begriffen Fettembolie, Schock und Infektion zusammen. Weiterhin gehören
die Sprengung des Knochenrohres, die Verletzung der angrenzenden Gelenke
oder Frakturen des sich festlaufenden Nagels dazu. Aus einer falschen
Zielrichtung des Nagels bei der Einführung in die Markhöhle
von Femur und Tibia resultieren eine Reihe von Begleitverletzungen.
Bei Hund und Katze sind die anatomischen Verhältnisse der langen
Röhrenknochen anders als beim Menschen. Die proximalen Zugänge
für einen geraden Marknagel am Tuberculum majus und an der Tuberositas
tibiae sind gegenüber dem Schaft weniger prominent, so daß
sich das Einschlagen des Nagels genau in das Zentrum der Markhöhle
oftmals schwierig gestaltet. Schon die kleinste Abweichung aus der Achse
führt zur Perforation mit der Gefahr von Nebenverletzungen.
Das Instrumentarium, die Operationstechnik und die Implantate erfuhren
in den letzten Jahren für die Humanmedizin und für die Tiermedizin
wesentliche Verbesserungen, so daß sich auch dort noch Indikationen
zur Nagelung ergeben, wo die Plattenosteosynthese bisher den Vorzug hatte.
Eine wesentliche Erweiterung in dieser Hinsicht stellt die Verriegelung
dar, um eine Torsionsinstabilität besonders in der Nähe von
Gelenken zu vermeiden (DURALL und DIAZ, 1996; DUELAND et al, 1999; HACH,
1999; KEMPF, 1991; ROUSCH und MCLAUGHLIN, 1999).
Der klassische Marknagel hat seine Indikation beim mediodiaphysären
queren oder kurzen schrägen Bruch. Der intakte Markkanal muß
nach dem kleineren Fragment hin wenigstens 3 cm lang sein, sonst können
keine ausreichende Rotationsstabilität erreicht und das Teleskopieren
der Segmente nicht verhindert werden. Küntscher wählte aus diesen
Gründen die Kleeblattform des Nagels mit dem Schlitz in Längsrichtung.
Nach den Untersuchungen von KEMPF (1991) hängt die Rotationsstabilität
in der Hauptsache von der Längsverklemmung des Nagels und von der
Verzahnung der Bruchflächen ab. Dynamische proximale und distale
Verriegelungen erhöhten die Rotationsstabilität um das doppelte.
Damit lassen sich heute eine Mehrzahl der diaphysären Brüche
operieren, auch die Dreifragmentbrüche, Stück-, Trümmer-
und Defektbrüche, Pseudarthosen sowie die Osteotomie in der Wiederherstellungschirurgie.
Der in der Veterinärmedizin übliche Steinmann-Nagel bietet
für eine Verriegelung keine Möglichkeit (MILLER, 1998). Deshalb
wurden Kombinationen mit dem Fixateur externe bzw. mit dem Kirschner-Ehmer-Apparat
konstruiert.
Durch den Trilam-Nagel wird das wichtigste Problem der Marknagelung,
die Rotationsinstabilität gelöst (HACH 1999). Die drei Lamellen
garantieren bei richtiger Abmessung die Querverspannung des Implantats.
Ein weiterer Vorteil besteht darin, daß auf die Aufbohrung der Markhöhle
mit ihren Risiken verzichtet wird. Die Längsverspannung des Nagels
geht vom Eintrieb in die Metaphyse aus.
Abweichend von den bisher bekannten Nagelungstechniken wird beim Trilam-Nagel
offen operiert. Dadurch erhöht sich das Infektionsrisiko (JENNY et
al., 1994; MELCHER et al., 1995). Deshalb empfiehlt sich die Single-Shot
- oder die Kurzzeit-Antibiose. Es kommt der kürzeren Operationsdauer
zugute, daß sich die Präparation im Frakturbereich auf das
Notwendigste beschränken muß. Die Belassung von kleinen Bruchstücken
in ihrer Gewebsverankerung und ihrer Blutversorgung sowie die Erhaltung
des Frakturhämatoms haben einen günstigen Einfluß auf
die Knochenheilung (ILIZAROV, 1989).
Unsere bisherigen Erfahrungen vom 1.6.1997 bis 15.12.1999 belaufen sich
auf 132 Operationen an Hunden und Katzen sowie zwei Kaninchen, einem Uhu
und einem Affen. Darunter befanden sich 25 Frakturen, die am Übergang
zur Metaphyse lagen. In allen Fällen erbrachte der Trilam-Nagel eine
optimale Stabilität in der Rotation und in der Länsrichtung.
Die Operationstechnik ist relativ einfach und leicht erlernbar. Ernsthafte
Komplikationen wurden nicht beobachtet.
Als Kontraindikation für die Verwendung des Trilam-Nagels gelten
alle Umstände, die auch auf andere Verfahren der Osteosynthese zutreffen.
An erster Stelle werden allgemeine Krankheiten genannt, die eine Narkose
oder eine chirurgische Intervention nicht zulassen. Bei Spontanfrakturen
infolge einer metastasierenden Tumorkrankheit muß mit dem Besitzer
des Tieres die Prognose abgesprochen werden (FRY und JUKES, 1995). Entsprechendes
gilt natürlich auch für Frakturen, die im Rahmen einer Polytraumatisierung
vorliegen.
Stark verschmutze offenen Frakturen schließen die Marknagelung
wegen des Risikos der Osteomyelitis aus. Inwieweit die Marknagelung zu
einem späteren Zeitpunkt in Betracht kommt, wenn sich die Situation
durch einen Fixateur externe bereinigt hat, bleibt von Fall zu Fall abzuwägen.
Auch Jungtiere können unter Schonung der Epiphyse mit dem Trilam-Nagel
versorgt werden; gerade hier muß für das weitere Leben des
Tieres eine optimale Funktionsfähigkeit angestrebt werden. Außerdem
ist die Immobilisation von Jungtieren oftmals schwierig, so daß
eine frühzeitige Belastbarkeit nach dem Unfall angestrebt wird. Auch
das hohe Lebensalter gilt nicht als Gegenanzeige. Das alte Tier kann sofort
nach der Operation wieder ohne Beeinträchtigung laufen, und es werden
sekundäre Gelenkschäden infolge der Immobilisation oder Fehlbelastung
vermieden (HACH, 1999).
Die Einführung des Trilam-Nagels erweitert und vereinfacht das Spektrum
der Osteosynthese bei Frakturen der großen Röhrenknochen. Das
neue Verfahren erlaubt auch Rationalisierungen in finanzieller Hinsicht.
In Zukunft kommt es darauf an, die praktischen Erfahrungen auszudehnen
und in der Veterinärmedizin weitere Indikationen zu erarbeiten.
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